Sicherlich hast du schon einmal etwas über die sogenannten Lerntypen gehört? Vielleicht hast du auch schon einmal selbst einen Lerntypentest gemacht? Oder hast du deinem Kind schon mal den Tipp gegeben, doch mal zu schauen, was sein bevorzugter Lerntyp ist?

Viel spannender ist aber die Frage: Welcher „Lerntyp“ ist denn dein Kind bisher noch nicht?

Warum und wie Ihr anders vorgehen könnt – das verrate ich dir in diesem Artikel. 

Ehrlich gesagt, als ich begonnen habe, mich mit dem „Wie lerne ich besser“ auseinanderzusetzen, wollte ich es auch erst einmal irgendeinen Anker haben und mir fiel ein, ach da gab es doch mal was mit den Lerntypen. Also habe ich nach Tests gesucht, die mir das schwarz auf weiß geben sollten: Welcher Lerntyp bin ich denn eigentlich? Schnell kommt man bei der Recherche nach Lerntypen auf die Kategorisierung nach Vester (1975) oder die Lernstile nach Kolb (1985) und man kann mittlerweile meistens auch direkt einen Online-Lerntypen-Test absolvieren.

Das Ergebnis war für mich persönlich damals allerdings nur bedingt nutzbar. Es gab mir einen ersten Anhaltspunkt, aber so richtig weiter kam ich nicht. Woran das lag, habe ich mit der Zeit immer mehr durch eigenes Ausprobieren und Erleben gelernt und vor allem aber auch später als Lerncoach in meiner praktischen mehr und mehr verstanden.

Auch in der pädagogischen Praxis findet diese Art der Kategorisierung des Lernens häufig Gebrauch. Der Mythos rund um das Thema Lerntypen und Lernstile hält sich hartnäckig.

Im Lerncoaching höre ich hierzu beispielsweise Aussagen wie: „Ich bin eher der auditive Lerntyp, deshalb fasse ich nicht gerne Texte zusammen“. Meist sage ich dann: Das ist super, dass du das für dich so erkannt hast. Ich möchte dich aber einladen, es dennoch mal auf einem anderen Weg zu versuchen“ und erläutere dann die Gründe hierfür. Dazu später mehr im Text.

Was ist das Problem an dieser Art der Kategorisierung?

Diese Art der Kategorisierung im Bereich der Lernstile oder Lerntypen ist leider sehr eindimensional (vgl. Hardeland, Hanna S.127). Tatsächlich kann man sogar streng genommen oder etwas überspitzt sagen: Wir rauben uns damit wichtige Lernerlebnisse, denn alle diese Zugänge über unsere Sinneskanäle sind beim Lernen äußerst wichtig. Wenn wir uns nur auf einen der Zugänge einschränken oder ihn als unseren bevorzugten Lernstil definieren, bewegen wir uns sehr in einer Komfortzone.

Jeder der vier Zugänge ist aber beim Lernen bedeutend und notwendig, denn beim Lernen, nehmen wir Informationen über unsere Sinneskanäle wahr und ordnen diese ein (vgl. ebd.).  Tatsächlich ist dieses Konzept sehr umstritten, denn es beruht auf keiner wissenschaftlich empirischen Untersuchung (vgl. ebd., S.126). 

Ja, es ist nicht verkehrt zu wissen, welche Neigung man hat.

ABER: wenn wir uns selbst einordnen in solche Schemata, dann glauben wir auch schnell, dass es immer so ist und wir nehmen uns die Chance auf Veränderung. Genau da liegt eines der Probleme mit dieser Art der Kategorisierung: Sie ist zu einfach und zu statisch, denn je nach Thema, Tagesform, Einwirkungen von außen verändert sich unser Lernen. Lernen ist überaus vielfältig, individuell und vor allem aber ein aktiver und ständig veränderbarer Prozess.

Du hörst von deinem Kind häufig: Lernen ist langweilig und eintönig – das liegt vielleicht daran, dass durch die bevorzugte Auswahl eines Lerntyps oder Lernkanals, die Herangehensweise sich nicht verändert und dem Gehirn keine neuen, spannenden und anregenden Reize gesetzt werden.

Anstatt also immer wieder den Lieblingskanal zu langweilen und in der Lern-Komfortzone zu verharren, ist es hilfreicher und effektiver den Lernstoff vielseitig zu bearbeiten und sich auf neue Sinneskanäle zu stürzen, die vielleicht bisher noch nicht so im Fokus standen.

Im Lerncoaching habe ich schon häufiger gehört, dass Schüler sagten: Ja das hab ich schon einmal ausprobiert, aber das passt ja gar nicht so zu meinem Lerntyp.

Je nach Lernsituation und Thema kann es aber sein, dass es eine andere Herangehensweise beim Lernen braucht. Jede neue Lernsituation eröffnet neue Lernwege.

Lerntypen sind immer eine Kombination und lassen sich gar nicht voneinander trennen, sondern spielen vielmehr ineinander zusammen.

Unsere Merkfähigkeit wird viel besser, wenn wir verschiedene Sinneskanäle und Zugänge miteinander verknüpfen. Dadurch entstehen mehr Verknüpfungen und Informationsautobahnen im Gehirn und unser Erinnerungsvermögen dankt es uns.  

Je mehr wir Inhalte durch unterschiedliche Sinneskanäle miteinander verknüpfen, desto leichter fällt uns das Lernen, desto besser können wir uns Informationen merken und uns daran erinnern.

Wie kannst du das mit deinem Kind umsetzen?

Um die bisherigen Herangehensweisen an ein Lernthema und Neigungen besser zu verstehen, brauchst du keinen Lerntypen-Test, sondern eher das genaue Hinschauen, wie man es bisher macht oder wohin man automatisch tendiert sowie im nächsten Schritt den Mut und die Kreativität einen oder mehrere andere Zugänge zu ergänzen.

Als Basis kannst die untenstehende Grafik nutzen, um mit deinem Kind über die unterschiedlichen Lernkanäle auf Basis der Sinneskanäle ins Gespräch zu kommen und welche Bedeutung hinter den Begriffen steckt.

Lerntypentest mal anders

Hier ein paar Ideen was sich hinter den Begriffen verbergen kann:

Logischer Zugang: Strukturen/ Abhängigkeiten/ Verhältnisse etc.

Visueller Zugang: Lesen, sehen

Auditiver Zugang: Etwas anhören/ zuhören

Verbaler Zugang: Über ein Thema sprechen/ formulieren/ zusammenfassen

Haptischer Zugang: Ausprobieren, schreiben, in Bewegung kommen

Sozialer Zugang: Mit anderen etwas erarbeiten/ über etwas Diskutieren, Debattieren, erörtern, etwas im Alltag erfahren, erleben im Umgang mit anderen

Als Einstiegsfrage im Coaching nutze ich gerne die Frage: „Was würdest du jetzt ganz automatisch oder am liebsten machen bei diesem Thema?“


Und danach gehen wir jeden einzelnen Zugang durch und überlegen, was das für das konkrete Lernthema nun heißen könnte.

Fragen die mich dabei unterstützen können zum Beispiel sein:

– Wie kannst du dieses (vielleicht sehr trockene) Thema visuell aufbereiten?  

– Wie kannst du deine Ohren einsetzen?  

– Wie kannst du Muster und Strukturen herausarbeiten 

– Wem kannst du die Inhalte erzählen oder mit wem kannst du über das Thema diskutieren? 

– Wer kann dich unterstützen? 

– Wie kannst du Bewegung in das Thema reinbekommen/ Wie kann ich aktiv werden?

Wenn dein Kind sich beim Lernen nur daran erinnert: „Welche Lernkanäle kann ich wie miteinander verknüpfen oder noch mehr nutzen“, dann fällt es ihm auch leichter in einem nächsten Schritt gezielt auf die Suche nach neuen Lernmethoden und Strategien zu gehen, wenn es dadurch erkennt, dass es an einer Stelle ein Defizit gibt oder noch keine Idee hat, wie man den Lernkanal noch mehr nutzen kann.

Und zu guter Letzt die Frage an dich selbst als Mutter oder Vater:

Wie gehst du denn selbst an neue Lernthemen bevorzugt ran und was möchtest du zukünftig ausprobieren?

Hardeland, Hanna: Lerncoaching und Lernberatung – Lernende in ihrem Lernprozess wirksam begleiten und unterstützen