Wie priorisieren gegen Aufschieben vor Prüfungen/ Klassenarbeiten hilft

Wie priorisieren gegen Aufschieben vor Prüfungen/ Klassenarbeiten hilft

Wie kann sich mein Kind effektiver auf Prüfungen oder Klassenarbeiten vorbereiten?

„Meine Tochter,/mein Sohn, lernt immer kurz vor knapp, – ich habe schon so oft gesagt, dass er/sie früher anfangen soll zu lernen“ – kennst du das?

Hast du das auch schon häufiger gesagt, gedacht oder dir die Frage gestellt?

Das langfristige Planen vor Prüfungen ist das eine, aber ein weiterer und oft unterschätzter Faktor ist die Entscheidung darüber, mit welchem Thema überhaupt begonnen werden soll und wie man den Lernstoff effektiv einteilt und den Berg bezwingen kann.

Wir kennen es selbst auch, oder? Wenn wir viele Themen gleichzeitig auf dem Tisch haben, wissen wir manchmal nicht, womit wir anfangen sollen und anstatt es schrittweise anzugehen, machen wir etwas völlig anderes und vertrödeln die Zeit.

Daher möchte ich dir in diesem Artikel eine Vorgehensweise aus meiner Lerncoaching-Praxis an die Hand geben, die Schüler:innen bei der Priorisierung von Lernstoff unterstützt und dadurch auch deinem Kind hilft, effektiver zu lernen.

Was sind Gründe für Aufschieben?

Meine Erfahrung im Lerncoaching zeigt, dass viele Schüler:innen die Lernthemen nicht deshalb aufschieben, weil sie überhaupt keine Lust auf die Themen haben, sondern weil sie nicht wissen, womit sie anfangen sollen und häufig das Gefühl haben, ein riesiger Berg an Vorbereitung liegt vor ihnen, die ganze Freizeit geht drauf, das ganze Fach ist uninteressant, unnötig und nicht bezwingbar.

Solche unangenehmen Gefühle kennen wir selbst auch im Alltagschaos, zum Beispiel wenn man nur mal an die jährliche Steuererklärung denkt und das wirkt sich sehr negativ auf unsere Motivation aus.

Deshalb ist es so wichtig, den großen Berg schrittweise zu bezwingen und langsam loszugehen – nicht in einem durch, sondern wie beim Wandern mit ausreichend Pausen und dem Blick nach vorne und zurück. Sonst sind die Motivation und Luft schon nach der ersten Kurve weg.

In der Psychologie gibt es hierfür den Fachbegriff „Prokrastination“. Die Universität Münster schreibt darüber, dass es sich hierbei um „die wissenschaftliche Bezeichnung für pathologisches Aufschiebeverhalten“ handelt und sowohl private Alltagsaktivitäten als auch schulische, akademische und berufliche Tätigkeiten betreffen“ kann (vgl. Prokrastination (uni-muenster.de).

Und tatsächlich ist dies ein wirklich weitverbreitetes Phänomen, das uns alle betrifft. Weiter schreibt die Universität Münster auch, dass man dieser Thematik durch „das Erlernen neuer Arbeitsgewohnheiten und Verhaltensänderung entgegenwirken kann, wie Strukturierung des Arbeitsverhaltens, Setzen realistischer Ziele, Umgang mit Ablenkungsquellen und negativen Gefühlen sowie systematische Veränderung der Arbeitsgewohnheiten (vgl. ebd.).

Wer prokrastiniert, schiebt Aufgaben lange vor sich her und kann auch Ablenkungen kaum widerstehen. Vielmehr sucht man sich gezielt Ersatzhandlungen, die „von dem Gefühl befreien, etwas nicht geschafft zu haben“ (vgl. Winterscheid). „Durch die Erledigung von Ersatzhandlungen bekommen wir zunächst einmal ein positives „Ich hab etwas erledigt“ Gefühl, leider kommt das schlechte Gewissen dann häufig im Nachgang (vgl. ebd.). Ersatzhandlungen treten vor allem dann auf, wenn manche Aufgaben von uns mehr Überwindungskraft brauchen als andere.

Um gegen Aufschieben anzugehen, braucht es vor allem Selbstkontrolle.

Selbstkontrolle und Willensstärke sind Ressourcen, die im Lauf des Tages immer mehr abnehmen. Nach einem langen Schulalltag, der schon viel an Selbstkontrolle und Willensstärke erfordert hat, beispielsweise sich überhaupt an das System Schule anzupassen, ist es umso schwieriger Energie und Selbstkontrolle aufzubringen.

Ein weiterer Grund, Aufgaben aufzuschieben, liegt darin, nicht zu wissen, welcher Schritt als Nächstes kommt.

Ein Beispiel: Schüler:innen nennen häufig weitentfernte Ziele, wie „Ich möchte das Schuljahr schaffen“. Oft ist dieses Ziel wenig motivierend, da es zu weitentfernt liegt und vor allem auch noch für unser Gehirn zu abstrakt ist.

Eltern oder Lernbegleiter können dabei unterstützen, die Aufgaben herunter zu brechen und in kleine Ziele und Schritte zum Ziel zu unterteilen.

Zusammengefasst hier noch mal die wesentlichen Gründe für Aufschieben

  • Dein Kind weiß nicht, womit es anfangen soll.
  • Dein Kind kann das Ziel nicht greifen und erkennen und der nächste Schritt ist nicht klar.
  • Dein Kind lässt sich häufig ablenken und sucht Ersatzhandlungen.
  • Die Selbstkontrolle ist erschöpft für den Tag

Wie Priorisierung dabei unterstützen kann, diese Gründe aufzulösen

Zunächst einmal kann man sich überlegen, welche Kompetenz denn insbesondere gestärkt werden sollte, wenn man sich die obengenannten Gründe noch mal anschaut.

Selbstkontrolle, Disziplin, aber auch Organisationstalent, vor allem Umgang mit Zeit und die Fähigkeit zu fokussieren sind für die Zielerreichung hier wesentliche Kompetenzen.

Priorisierung gibt dem Gehirn Struktur und ein gutes Gefühl

Das menschliche Gehirn ist äußerst trickreich, wenn es darum geht, Dinge nicht zu tun, die ein hohes Maß an Selbstkontrolle und Überwindung brauchen. Unser Gehirn braucht zum Lernen Struktur.

Priorisierung hilft, die Kontrolle über die Aufgaben zu bekommen und den Lernprozess überhaupt erst in Gang zu bringen.

Wenn das Gehirn diese grundlegenden Strukturen nicht hat, reagiert der Mensch auf Chaos und Unübersichtlichkeit oft mit Überforderung, Ängsten und Unsicherheiten und baut sich aus bereits vorhandenem Wissen und Erfahrungen seine eigene Struktur auf.

Wenn diese Gefühle zu viel Raum in unseren Kopf einnehmen, schaltet sich der Erinnerungsmodus der Emotionen ein, das Gedächtnis erkennt vielleicht eine Gefahr des Gehirns und währt sich intuitiv gegen das Lernen.

Daher helfen Planung und Priorisierung zu Beginn eines Lernprozesses dieser „Gefahr“ entgegenzuwirken und den ersten Widerstand aufzulösen.

Eine durchdachte Strukturierung unterstützt also das Lernen, Behalten und Erinnern.

Priorisierung macht Ziele klarer und greifbarer

An dieser Stelle erkennen wir wieder, wie oben schon erwähnt, einen Zusammenhang zum Thema Motivation. Wenn nicht klar ist, welcher Schritt der Nächste ist, dann tendieren wir alle dazu, etwas gar nicht erst anzufangen oder in eine Ersatzhandlung auszuweichen. Ebenso sollte es sich gerade zu Beginn um ein einfaches Ziel handeln, denn schwierige Ziele brauchen mehr Überwindungskraft und sorgen für Ersatzhandlungen. Die Methode, die ich dir hier im Artikel vorstellen möchte, unterstützt dabei, aus noch nicht greifbaren abstrakten Lernthemen, realistische und kleine Erfolgserlebnisse zu generieren.

Priorisierung trainiert die Selbstkontrolle

Um zu Selbstkontrolle zu kommen, hilft es, die Gedanken zu externalisieren bzw. deshalb ist es hilfreich, Tools hierfür zu nutzen.

Wenn der Lerntag schon lange war, brauchen wir Hilfsmittel, die es uns erleichtern, mit etwas wieder anzufangen. Einfache Tools und Strategien können hier wirksam sein, wir müssen unser Gehirn austricksen…

Das Runterbrechen und Priorisieren und sortieren hilft uns den Selbstkontrollemodus zu trainieren, denn die Ziele werden machbarer und klarer und dadurch Erfolgserlebnisse greifbar und sichtbar.

Priorisieren kann ein erster Schritt sein, um mehr Selbstkontrolle über das Lernthema zu erlangen.

Wichtig ist es aber, die Kräfte sinnvoll einzuteilen (Wie beim Wandern auch :-))

Priorisierung sorgt für machbare und realistische Lernpläne

Viele Schüler:innen schieben die Themen auf, die ihnen schwerfallen, sie noch nicht so gut können oder verstanden haben und merken dann gegen Ende, dass die Zeit fehlt, große Lücken bleiben oder in „Bullimie-Lernen“ endet. Mit der 4 Felder Priorisierung, die ich dir schrittweise in diesem Artikel noch erläutern werde, drehen wir diese Vorgehensweise um. Wir nehmen das Thema der Prüfung oder Klassenarbeit auseinander und legen erst einmal den Fokus und die meiste Lernzeit auf die Unternehmen, die noch die größte Sorge bereiten.

Die Vorteile dieser Vorgehensweise sind:

  • Kleine Erfolgserlebnisse werden greifbar
  • Der Zeitplan wird klarer und übersichtlicher
  • Es braucht weniger Überwindungskraft
  • Sich herausstellt, was bereits da ist und an Vorwissen anknüpfen kann
  • eine Grundlage für einen Lernplan entsteht
  • Kurz vor der Prüfung/Klassenarbeit kein Lernstress entsteht
  • Es wird deutlich, für welche Unterthemen mehr Zeit und Wiederholung notwendig ist
  • Kleine Portionen sind machbarer herauszuarbeiten, Erfolge sichtbarer

Wir wollen das Gedächtnis/ Gehirn durch eine derartige Vorgehensweise aus seinem Widerstand holen, den es eben manchmal bei vor allem unangenehmen Themen oder nicht so interessanten Themen gibt.

Durch die Sortierung passiert, dass man gezwungen wird zu schauen, wo es noch Übersichten, Gliederungen oder sonstige Hinweise gibt, die das Lernmaterial vervollständigen. Das hilft dabei, einen Einstieg ins Thema zu bekommen und dem Gehirn nicht Masse, sondern Qualität anzubieten.

Mit welchen Methoden gelingt es besser zu priorisieren?

Ich möchte dir nun eine bewährte Vorgehensweise und Methode an die Hand geben, die deinem Sohn/deiner Tochter hilfreich sein kann, um eine gute Lernstruktur und Lernorganisation zu schaffen, zum Beispiel als Basis für einen Lernplan.

1. Schritt: Aufschreiben und zusammentragen aller Themen

Noch bevor man das grobe Thema der Klassenarbeit/Prüfung aufschreibt und dies in Unternehmen unterteilt, ist es notwendig, alle Lernunterlagen, Lernzettel, Bücher, Notizen usw. zusammenzutragen und sich einen Überblick zu verschaffen und zu schauen, ob alles vollständig ist oder Notizen, Themen unvollständig sind.

Die 1. Aufgabe ist daher:

Alle Unterlagen müssen vollständig sein und es muss klar sein, welche Themen und Unterthemen für die Klassenarbeit relevant sind.

2. Schritt: Unterthemen/ Grobthemen herausfinden

Lass dein Kind auf ein Blatt Papier zunächst alle Themen mit Unterthemen aufschreiben, die in der Prüfung/Klassenarbeit abgefragt werden.

Manche Lehrer:innen erstellen wir die Schüler:innen sogenannte Lernzettel mit einer Themenliste, das ist natürlich sehr komfortabel und hilfreich, denn so ist wirklich klar, auf welche Themen es ankommt.

Auch wenn deine Tochter/dein Sohn sagt, es gebe hier keine Unterthemen, dann gib den Tipp, ein paar Schlagworte oder Schlüsselbegriffe herauszuarbeiten. Ja, es ist oft ein bisschen mühsam diese zusammenzutragen, aber hinterher wir das Lernen effektiver sein.

Denn je kleinteiliger das Thema in kleine Lernpakete unterteilt werden kann, desto mehr Erfolgserlebnisse und Fortschritte können erkennbar werden.

3. Schritt: Sortieren und Entscheiden

Hierfür nutze ich mit den Schüler:innen gerne zwei Methoden: Die „4-Felder Priorisierung“ oder „Eat the frog first“ 😉

4 Felder – Priorisierung

Die 4 Felder Priorisierung ist eine sehr anschauliche und gut durchführbare Methode. Sie erleichtert vor allem den Start in den Lernprozess und hilft dabei zu erkennen, worauf die meiste Zeit verwendet werden sollte und womit man anfängt.

Sie bildet die Basis für eine gute und klare Lernstruktur und biete eine Möglichkeit, Lerninhalte in kleine Portionen zu unterteilen und ist gleichzeitig die effektivste Grundlage für einen realistischen Lernplan.

  1. Zeichne deiner Tochter/deinem Sohn folgendes Schema auf ein Blatt Papier oder lade dir hier die Vorlage herunter. Hilfreich ist eine farbige Unterscheidung, sodass sichtbar wird, dass ein unterschiedlicher Zeitinvest/Fokus notwendig ist.

Ich nutze hier folgende Unterscheidung:

  • Fällt mir schwer/viel Lernstoff > hoher Zeitaufwand/viel Fokus > deutliche Farbe
  • Fällt mir leicht/ viel Lernstoff > mittlerer Zeitaufwand/mittlerer Fokus > abgeschwächte Farbe
  • Fällt mir schwer/wenig Lernstoff > mittlerer Zeitaufwand/mittlerer Fokus > abgeschwächte Farbe
  • Fällt mir leicht/ wenig Lernstoff > weniger Zeitaufwand/weniger Fokus > helle Farbe

Natürlich ist das auch individuell anpassbar.

  • Dein Kind schaut sich nun die vorhergesammelten Unterthemen (siehe oben Schritt 2) genau an und entscheidet, in welches der vier Felder das Unterthema eingeordnet werden kann.

Du kannst dir hier die Vorlage auch herunterladen:

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Wie kann man an die schwierigsten Themen rangehen?

Nun nehmt ihr die Themen im dunklen Feld genauer unter die Lupe und sucht nach möglichen Vorgehensweisen, sich diesen Themen etwas anzunähern. Stell deinem Kind Fragen und versuche herauszufinden, woran es liegt, dass diese Themen so Schwierigkeiten bereiten:

– Gibt es etwas, woran die Themen anknüpfen können?

– Was hast du denn davon bisher schon ein bisschen verstanden?

Wichtig ist: Macht möglichst kleine Lernportionen und Lernziele aus den Themen im „dunklen“ Lernfeld. Hier ein paar Beispiele: Ich bearbeite heute eine Seite; Ich suche ein Beispiel heraus; Ich schreibe drei Fragen zu dem Thema auf? Ich suche auf Youtube etwas zu diesem Thema…

Die Themen im dunklen Feld brauchen die größte Energie und Motivation zum Lernen und haben den höchsten Ablenkungscharakter.

Erstellt einen groben Lernplan zur Orientierung

Ergänzend lohnt es sich außerdem, einen groben Lernplan zu erstellen. Es kann leicht passieren, wenn man sich über einen längeren Zeitraum und in kleinen Schritten auf eine Klassenarbeit/Prüfung vorbereitet, die Zeit vergisst. Wenn du hierfür eine Vorlage suchst, findest du diese hier.

Mein Tipp: Plant vom Tag der Prüfung bis heute (also rückwärts), – dann sieht man leichter, wie kleinteilig man es sich „leisten“ kann zu lernen. Gegebenenfalls stellt ihr dann fest, dass an manchen Tagen auch Themen überlappend gelernt werden müssen.

An den Tagen vor der Prüfung sollten die Themen aus dem „hellen“ Feld Platz finden, da diese auch weniger Wiederholungsschleifen benötigen.

„Verplant“ alles nächstes die Themen in den „mittleren“ Feldern und nun seht ihr, wie viel Zeit noch für die Themen aus den „dunklen“ Feldern bleiben.

Wichtig: Der grobe Lernplan darf und soll sich verändern, aber dadurch, dass die schwierigsten Themen zu Beginn stehen, bekommen diese zunächst einmal den größten Fokus.

4. Schritt: Sich selbst beobachten und daraus lernen

Neue Vorgehensweisen und Methoden funktionieren vielleicht nicht direkt beim ersten Mal. Deshalb ist es wichtig dranzubleiben, weiter auszuprobieren und aus dem Erlebten zu lernen.

Gerade in Bezug auf das Aufschieben ist es besonders wichtig herauszufinden und zu beobachten, was die Gründe dafür sind.

5. Schritt: Erfolge feiern

Jaaa, feiert gerade am Anfang, wenn es gelungen ist, das größte und herausforderndste Lernfeld/Thema anzugehen und zu knacken!

Das gibt Energie und Motivation und macht es leichter, dranzubleiben.

Viel Erfolg beim Ausprobieren!

Quellen und Links in diesem Artikel:

Winterscheid, Leon: Hey Hirn! Warum wir ticken, wie wir ticken

Home – Startseite der Prokrastinationsambulanz (uni-muenster.de)

Welcher Lerntyp ist dein Kind – nicht?

Welcher Lerntyp ist dein Kind – nicht?

Sicherlich hast du schon einmal etwas über die sogenannten Lerntypen gehört? Vielleicht hast du auch schon einmal selbst einen Lerntypentest gemacht? Oder hast du deinem Kind schon mal den Tipp gegeben, doch mal zu schauen, was sein bevorzugter Lerntyp ist?

Viel spannender ist aber die Frage: Welcher „Lerntyp“ ist denn dein Kind bisher noch nicht?

Warum und wie Ihr anders vorgehen könnt – das verrate ich dir in diesem Artikel. 

Ehrlich gesagt, als ich begonnen habe, mich mit dem „Wie lerne ich besser“ auseinanderzusetzen, wollte ich es auch erst einmal irgendeinen Anker haben und mir fiel ein, ach da gab es doch mal was mit den Lerntypen. Also habe ich nach Tests gesucht, die mir das schwarz auf weiß geben sollten: Welcher Lerntyp bin ich denn eigentlich? Schnell kommt man bei der Recherche nach Lerntypen auf die Kategorisierung nach Vester (1975) oder die Lernstile nach Kolb (1985) und man kann mittlerweile meistens auch direkt einen Online-Lerntypen-Test absolvieren.

Das Ergebnis war für mich persönlich damals allerdings nur bedingt nutzbar. Es gab mir einen ersten Anhaltspunkt, aber so richtig weiter kam ich nicht. Woran das lag, habe ich mit der Zeit immer mehr durch eigenes Ausprobieren und Erleben gelernt und vor allem aber auch später als Lerncoach in meiner praktischen mehr und mehr verstanden.

Auch in der pädagogischen Praxis findet diese Art der Kategorisierung des Lernens häufig Gebrauch. Der Mythos rund um das Thema Lerntypen und Lernstile hält sich hartnäckig.

Im Lerncoaching höre ich hierzu beispielsweise Aussagen wie: „Ich bin eher der auditive Lerntyp, deshalb fasse ich nicht gerne Texte zusammen“. Meist sage ich dann: Das ist super, dass du das für dich so erkannt hast. Ich möchte dich aber einladen, es dennoch mal auf einem anderen Weg zu versuchen“ und erläutere dann die Gründe hierfür. Dazu später mehr im Text.

Was ist das Problem an dieser Art der Kategorisierung?

Diese Art der Kategorisierung im Bereich der Lernstile oder Lerntypen ist leider sehr eindimensional (vgl. Hardeland, Hanna S.127). Tatsächlich kann man sogar streng genommen oder etwas überspitzt sagen: Wir rauben uns damit wichtige Lernerlebnisse, denn alle diese Zugänge über unsere Sinneskanäle sind beim Lernen äußerst wichtig. Wenn wir uns nur auf einen der Zugänge einschränken oder ihn als unseren bevorzugten Lernstil definieren, bewegen wir uns sehr in einer Komfortzone.

Jeder der vier Zugänge ist aber beim Lernen bedeutend und notwendig, denn beim Lernen, nehmen wir Informationen über unsere Sinneskanäle wahr und ordnen diese ein (vgl. ebd.).  Tatsächlich ist dieses Konzept sehr umstritten, denn es beruht auf keiner wissenschaftlich empirischen Untersuchung (vgl. ebd., S.126). 

Ja, es ist nicht verkehrt zu wissen, welche Neigung man hat.

ABER: wenn wir uns selbst einordnen in solche Schemata, dann glauben wir auch schnell, dass es immer so ist und wir nehmen uns die Chance auf Veränderung. Genau da liegt eines der Probleme mit dieser Art der Kategorisierung: Sie ist zu einfach und zu statisch, denn je nach Thema, Tagesform, Einwirkungen von außen verändert sich unser Lernen. Lernen ist überaus vielfältig, individuell und vor allem aber ein aktiver und ständig veränderbarer Prozess.

Du hörst von deinem Kind häufig: Lernen ist langweilig und eintönig – das liegt vielleicht daran, dass durch die bevorzugte Auswahl eines Lerntyps oder Lernkanals, die Herangehensweise sich nicht verändert und dem Gehirn keine neuen, spannenden und anregenden Reize gesetzt werden.

Anstatt also immer wieder den Lieblingskanal zu langweilen und in der Lern-Komfortzone zu verharren, ist es hilfreicher und effektiver den Lernstoff vielseitig zu bearbeiten und sich auf neue Sinneskanäle zu stürzen, die vielleicht bisher noch nicht so im Fokus standen.

Im Lerncoaching habe ich schon häufiger gehört, dass Schüler sagten: Ja das hab ich schon einmal ausprobiert, aber das passt ja gar nicht so zu meinem Lerntyp.

Je nach Lernsituation und Thema kann es aber sein, dass es eine andere Herangehensweise beim Lernen braucht. Jede neue Lernsituation eröffnet neue Lernwege.

Lerntypen sind immer eine Kombination und lassen sich gar nicht voneinander trennen, sondern spielen vielmehr ineinander zusammen.

Unsere Merkfähigkeit wird viel besser, wenn wir verschiedene Sinneskanäle und Zugänge miteinander verknüpfen. Dadurch entstehen mehr Verknüpfungen und Informationsautobahnen im Gehirn und unser Erinnerungsvermögen dankt es uns.  

Je mehr wir Inhalte durch unterschiedliche Sinneskanäle miteinander verknüpfen, desto leichter fällt uns das Lernen, desto besser können wir uns Informationen merken und uns daran erinnern.

Wie kannst du das mit deinem Kind umsetzen?

Um die bisherigen Herangehensweisen an ein Lernthema und Neigungen besser zu verstehen, brauchst du keinen Lerntypen-Test, sondern eher das genaue Hinschauen, wie man es bisher macht oder wohin man automatisch tendiert sowie im nächsten Schritt den Mut und die Kreativität einen oder mehrere andere Zugänge zu ergänzen.

Als Basis kannst die untenstehende Grafik nutzen, um mit deinem Kind über die unterschiedlichen Lernkanäle auf Basis der Sinneskanäle ins Gespräch zu kommen und welche Bedeutung hinter den Begriffen steckt.

Lerntypentest mal anders

Hier ein paar Ideen was sich hinter den Begriffen verbergen kann:

Logischer Zugang: Strukturen/ Abhängigkeiten/ Verhältnisse etc.

Visueller Zugang: Lesen, sehen

Auditiver Zugang: Etwas anhören/ zuhören

Verbaler Zugang: Über ein Thema sprechen/ formulieren/ zusammenfassen

Haptischer Zugang: Ausprobieren, schreiben, in Bewegung kommen

Sozialer Zugang: Mit anderen etwas erarbeiten/ über etwas Diskutieren, Debattieren, erörtern, etwas im Alltag erfahren, erleben im Umgang mit anderen

Als Einstiegsfrage im Coaching nutze ich gerne die Frage: „Was würdest du jetzt ganz automatisch oder am liebsten machen bei diesem Thema?“


Und danach gehen wir jeden einzelnen Zugang durch und überlegen, was das für das konkrete Lernthema nun heißen könnte.

Fragen die mich dabei unterstützen können zum Beispiel sein:

– Wie kannst du dieses (vielleicht sehr trockene) Thema visuell aufbereiten?  

– Wie kannst du deine Ohren einsetzen?  

– Wie kannst du Muster und Strukturen herausarbeiten 

– Wem kannst du die Inhalte erzählen oder mit wem kannst du über das Thema diskutieren? 

– Wer kann dich unterstützen? 

– Wie kannst du Bewegung in das Thema reinbekommen/ Wie kann ich aktiv werden?

Wenn dein Kind sich beim Lernen nur daran erinnert: „Welche Lernkanäle kann ich wie miteinander verknüpfen oder noch mehr nutzen“, dann fällt es ihm auch leichter in einem nächsten Schritt gezielt auf die Suche nach neuen Lernmethoden und Strategien zu gehen, wenn es dadurch erkennt, dass es an einer Stelle ein Defizit gibt oder noch keine Idee hat, wie man den Lernkanal noch mehr nutzen kann.

Und zu guter Letzt die Frage an dich selbst als Mutter oder Vater:

Wie gehst du denn selbst an neue Lernthemen bevorzugt ran und was möchtest du zukünftig ausprobieren?

Hardeland, Hanna: Lerncoaching und Lernberatung – Lernende in ihrem Lernprozess wirksam begleiten und unterstützen